„Mutter Ernst“-Haus in Frankfurt am Main

Eintrag veröffentlicht am 18.06.2020

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„Mutter Ernst“-Haus
Alte Rothofstraße 12
60313 Frankfurt am Main

Erbaut: ca. 1910
Geschütztes Baudenkmal: nein

Status:  drohende Gefährdung

Nach über 80 Jahren muss das sogenannte Traditionslokal „Mutter Ernst“ schließen. Das Gebäude in der Alten Rothofstraße 12 sowie das Nachbargebäude sollen abgerissen werden. Der neue Investor plant einen Neubau mit Geschäften und Wohnungen.

Unterstützer: lokales Bürgerengagement

Foto: Thomas Zimmer

Mitten in der Frankfurter Innenstadt, in der Nähe der Hauptwache und der bekannten Fressgass, befand sich das Traditionslokal „Mutter Ernst“. Umgeben von zahlreichen luxuriösen und namenhaften Bekleidungsgeschäften, war es jahrzehntelang ein Ort, an dem Geld und Elite keine Rolle spielten: Hier trafen sich die unterschiedlichsten Personen aus allen Schichten auf einen Apfelwein mitsamt dem bekannten Kartoffelsalat und den hausgemachten Frikadellen.

Das Lokal wurde am 1. Oktober 1938 vom Metzgermeister Richard Ernst eröffnet und nach seinem Tod 1965 von seiner Frau und deren Tochter Maria Ernst weitergeführt. Ab dem Jahr 1975 leitete Marita Ernst die Kneipe unter dem Namen „Mutter Ernst“, das Traditionslokal war geboren. Ihr Stiefsohn und heutiger Besitzer Stephan Ullrich übernahm das Lokal im Jahr 2000, Marita Ernst starb 2015. Das Gebäude hatte zuvor jahrzehntelang der Binding-Brauerei gehört, bis diese es 2017 dem neuen Eigentümer verkaufte.

Foto: Thomas Zimmer

Das Gebäude, ein Putzbau vom Anfang des 20. Jahrhunderts, zeigt schlichte Formen regionaler Architektur und ist ein typisches Beispiel eines Wohnhauses dieser Zeit. Im Erdgeschoss befand sich auf der Kopfseite die Gaststätte, die sich durch typisch rot eingefasste Segmentbogenfenster und einer Segmentbogentür von den anderen Geschossen absetzt. In den oberen, mit Gesimsen gegliederten Geschossen befanden sich die Wohnungen, die außen hochformatige Fenster mit einfacher Teilung aufweisen. Außerdem gibt es ein Kellergeschoss. Das Gebäude als Teil der Blockrandbebauung über das Eck ist ein schlichter dreigeschossiger Aufbau, zur Alten Rothofstraße mit vier Fensterachsen.

Das Umfeld ist unter Investoren heiß begehrt, überall wird gebaut. Der neue Investor kündigte dem Besitzer Ullrich im November 2019, der damit das Lokal bis April 2020 schließen musste. Stephan Ullrich möchte ein neues Restaurant in Frankfurt eröffnen, ein genauer Standort ist bis jetzt noch nicht gefunden worden. Der Eigentümer plant die Gebäude in der Alten Rothofstraße 12 a und b noch 2020 oder 2021 abzureißen und dort Geschäfte, Mietswohnungen und ein Fitnessstudio entstehen zu lassen.

Auch wenn die Gaststätte „Mutter Ernst“ kein Baudenkmal im rechtlichen Sinne ist: Die Stadt Frankfurt verliert nicht nur zwei traditionsreiche Gebäude, sondern durch das Lokal ein Stück Kulturgut und Treffpunkt zugleich. Trotz der zahlreichen Bemühungen der Frankfurter Bürger und etlichen Zeitungsartikeln über den Verlust steht der Abriss kurz bevor. Kunsthistorisch bedauernswert ist dies wegen Verlusts eines Gebäudes, das bei aller Einfachheit eine in das Umfeld eingefügte Materialität und Gestaltung zeigte. Ob es dem Investor gelingt, eine rücksichtsvolle Gestaltung zu finden und einen für das soziale Leben fruchtbaren Ort an dieser Stelle neu zu etablieren, bleibt abzuwarten.

Text: Ann-Kathrin Hartenbach
Redaktion: Martin Bredenbeck

Oben: Foto: Thomas Zimmer