Gut Gentzrode bei Neuruppin

Eintrag veröffentlicht am 18.05.2020

'

Gut Gentzrode
Gentzrode 1
16816 Neuruppin

Erbaut: 1857–1880
Entwurf: Carl von Diebitsch, Martin Gropius, Heino Schmieden, Gustav Meyer
Geschütztes Baudenkmal: ja, bestehend aus Gutshaus, Kornspeicher, Stallgebäude, Verwaltungsgebäude und Park

Status:  akute Gefährdung

Zwischen Rheinsberg und Neuruppin liegt versteckt im Wald ein besonders eindrucksvolles Beispiel des orientalischen Historismus – das Gut Gentzrode, das 1857 bis 1880 nach Entwürfen von Carl von Diebitsch, Martin Gropius, Heino Schmieden und Gustav Meyer errichtet wurde. Seit 1992 steht das Ensemble leer, auch der Erwerb durch einen türkischen Investor vor 10 Jahren konnte keine Wende bringen. Die Sorge, dass das Gut aufgegeben sein soll, wird in der Presse laut, das Denkmalamt hat jetzt ein Gutachten in Auftrag gegeben, um Sicherungs- und Sanierungskosten zu ermitteln.

Foto: Marie Mamerow

Zwischen Rheinsberg und Neuruppin liegt versteckt im Wald ein besonders eindrucksvolles Beispiel des orientalischen Historismus. Nachdem im vergangenen Jahr 2019 ein Treffen mit dem beauftragten Planer, dem Baudezernenten der Stadt Neuruppin und den Denkmalbehörden zur Abstimmung konkreter Sicherungsmaßnahmen stattgefunden hatte, wurden nun Stimmen in der Presse laut, welche die Gutsanlage in Brandenburg als aufgegeben bezeichnen. Wie das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum jetzt verlautbaren ließ, wurde ein Gutachten in Auftrag gegeben, um Sicherungs- und Sanierungskosten zu ermitteln. Der Denkmalwert dieses einzigartigen Ensembles gebietet eine gemeinsame Anstrengung aller Protagonisten.

Foto: Marie Mamerow

Die weitläufige Gutsanlage mit ihren zahlreichen Bauten und Parkanlage nördlich von Neuruppin zwischen Molchow und der L16 hat ihren Ursprung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1855 erwarb Johann Christian Gentz das Grundstück auf den „Kahlen Bergen“ und begann 1856 gemeinsam mit seinem Sohn, Ludwig Alexander, mit dem Anlegen einer Baumschule. 1861/62 wurde nach Plänen von Carl von Diebitsch (1819 Liegnitz – 1869 Kairo) der Kornspeicher als rechteckiger Ziegelbau mit steilem Satteldach und Türmen an den Giebelseiten errichtet. Der Rundturm am Nordgiebel ist mit seinem Ziegelschmuck repräsentativ durchgestaltet und wurde von der Familie als Aussichtspunkt sowie als Sommer- und Gästewohnung genutzt. Im Erdgeschoss hat sich bis heute die schmuckvolle Ausstattung mit Gewölbe, Kamin und Fußbodenbelag in Teilen erhalten und legt immer noch eindrucksvoll Zeugnis über die reiche Gestaltung ihrer Entstehungszeit ab.

Foto: Marie Mamerow

Nicht lange nach der Errichtung des Speichers entschloss Ludwig Alexander Gentz sich zum Umzug auf das Gut und trieb die Errichtung eines Herrenhauses nebst Park mit Mausoleum voran. Nachdem erste Pläne für ein Herrenhaus von Hermann von der Hude, Walter Kyllmann und Adolf Heyden durch Gentz verworfen wurden, entstand 1875/76 ein zweigeschossiger Ziegelbau im Stil eines orientalisierenden Historismus nach Entwürfen von Martin Gropius (1824 Berlin – 1880 Berlin) und Heino Schmieden (1835 – 1913) aus Berlin. Der malerische Bau zeichnet sich besonders durch die lockere Gruppierung der Baukörper und den reichen Fassadenschmuck durch verschiedenfarbige Ziegel, Formsteine, Terrakotten und graphische Muster in Putz (als Ritzung oder Bemalung) aus. Im Bereich der Drei-Fenster-Gruppe der westlichen Hauptansichtsseite befand sich ursprünglich eine Terrasse mit Freitreppe. Während sich der Grundriss weitgehend unverändert erhalten hat, sind von der Ausstattung nur noch Rudimente, wie Gewölbe, Stuck, Kamin, Fußbodenbeläge und einige wenige Türen, erhalten.

Foto: Marie Mamerow

Bereits kurz nach Fertigstellung von Gutshaus und Park nach Entwürfen von Gustav Meyer im Jahr 1880 war die Familie Gentz finanziell überfordert und musste das Gut veräußern. Nach mehrfachen Besitzerwechseln ging die Anlage im Jahr 1934 in den Besitz der Wehrmacht über, die es als Schießplatz und Munitionslager nutzte. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges erfolgte die Weiternutzung durch die Rote Armee bis 1992.

Seitdem stehen die Gebäude leer. Vor ungefähr 10 Jahren erwarb ein türkischer Investor die Gutsanlage und wollte hier eine Ferienanlage mit eigenem Golfplatz errichten. Unter anderem bauplanungsrechtliche Herausforderungen verzögern jedoch die Entwicklung des Projektes. Im Falle des Abrisses des historischen Gebäudebestandes wäre die Errichtung von Neubauten im Außenbereich jedoch so gut wie unmöglich.

Die im Kern von 1856 bis 1880 entstandene Gutsanlage hat sich zunächst durch die militärischen Nutzungsanforderungen und dann durch die mit langem Leerstand und Alleinlage verbundenen Schäden stark verändert. Einzelne Gebäude wurden abgerissen oder müssen inzwischen als unrettbar eingestuft werden. Nichts desto trotz lassen sich die Einzigartigkeit und der Zeugniswert der überkommenen Bauten bis heute eindrucksvoll ablesen. Die Schäden sind nicht von der Hand zu weisen, eine Erhaltung scheint mit Blick auf den nach wie vor guten Zustand der Gebäudehüllen mit dem verspielten und farbenfrohen Architekturschmuck jedoch durchaus möglich – wenn man nur will.

Text: Marie Mamerow
Redaktion: Iris Wenderholm

Oben: Foto: Marie Mamerow

 

Quellen:
Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum (Hrsg.): Denkmalreport Brandenburg 2019/2020, Pressegespräch der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum am 19.02.2020, Vertretung des Landes Brandenburg beim Bund (Stand 03.05.2020)

Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum: Gut Gentzrode ist weiterhin Denkmal! – entgegen Unsicherheiten und Gerüchten, Pressemitteilung vom 30.04.2020 (Stand 08.05.2020)

Denkmaldatenbank des BLDAM (Stand 03.05.2020)

Denkmalliste (Stand 03.05.2020)

Förster, Andreas: Gentzrode. Von Fontane besungen, nun vor dem Verfall, in: Berliner Zeitung, 18.04.2020 (Stand 03.05.2020)

Metzler, Matthias; Küttner, Irmelin (u. a.): Landkreis Ostprignitz-Ruppin (= Denkmale in Brandenburg), Bd. 13.1, Worms am Rhein 1996.

Tilmann, Christina: Vom Traum zum Albtraum. Gut Gentzrode bei Neuruppin verfällt, in: MOZ, 04.04.2020 (aktualisiert am 18.04.2020) (Stand 03.05.2020)