Gasometer Schöneberg

Eintrag veröffentlicht am 30.04.2021, aktualisiert am 04.05.2021

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Gasometer Schöneberg
Niederdruckgasbehälter „Schöneberg IV“, Teil der Gesamtanlage Gaswerk Schöneberg
EUREF-Campus Nr. 17
10829 Berlin

Erbaut: 1908–1910
Entwurf: Berlin-Anhaltinische Maschinenbau AG (BAMAG) für die Imperial Continental Gas Association (ICGA)
Geschütztes Baudenkmal: ja, seit 1994

Status: drohende Gefährdung

Das Stahlgerüst des historischen Gasometers im Bezirk Schöneberg ist ein charakteristischer Bestandteil der Berliner Stadtsilhouette. Durch die Wiedererkennbarkeit ist das denkmalgeschützte Bauwerk über seine generelle technik- und kulturgeschichtliche Bedeutung hinaus auch von hohem Identifikationswert, vor allem für das umgebende Stadtviertel. Seit 2008 bestehen Pläne innerhalb des Gasometergerüsts ein Bürogebäude zu errichten. Nach Änderung des Bebauungsplanentwurfs soll dieses nun höher gebaut werden dürfen als ursprünglich festgelegt. Damit besteht die Gefahr, dass ein bedeutender Industriebau des frühen 20. Jahrhunderts in seiner Wahrnehmung beeinträchtigt und die heute einzigartige Fernwirkung der bei ihrer Errichtung wegweisenden Stahlskelettkonstruktion im Stadtbild zerstört wird.

Unterstützer: Bürgerinitiative „Gasometer retten“, Denk mal an Berlin e.V.

Blick auf den Gasometer mit dem Cheruskerpark im Vordergrund, rechts hinter den Bäumen das angrenzende Wohngebiet, links ein Gebäude des EUREF-Campus. Foto: Carola Dittrich, 2021

Der Gasometer Schöneberg ist Teil des ehemaligen Gaswerks Schöneberg, dessen historische Gebäude seit 1994 unter Denkmalschutz stehen. Vom 1910 fertiggestellten und 1913 in Betrieb genommenen Gasometer ist das erhaltene Stahlträgergerüst als „Teilobjekt Niederdruckgasbehälter “Schöneberg IV” denkmalgeschützt.

Das ab 1871 betriebene Gaswerk Schöneberg war eines der größten im Berliner Raum und ist eines der wenigen in Berlin noch vorhandenen Zeugnisse des damaligen rasanten technischen Fortschritts und seiner urbanen Infrastruktur, die die Herausbildung Berlins zur modernen Großstadt ermöglichte und bedingte. Der Gasometer IV war der letzte der Gasspeicherbauten, die im Zuge des steigenden Gasbedarfs sukzessive auf dem Gelände errichtet wurden und er war zudem zu seiner Erbauungszeit einer der größten Europas. Die Form der bloßen Gerüstkonstruktion mit dem sichtbaren, teleskopartig ausfahrbaren eisernen Gasbehälter, ausgeführt ohne das bis dahin übliche verkleidende Mauerwerk, war das höchst innovative Projekt der englischen Gasgesellschaft „Imperial Continental Gas Association“. Mit dem Bau beauftragt wurde das europaweit tätige Berliner Unternehmen „Berlin-Anhaltinische Maschinenbau AG“, welches führend in der Herstellung moderner Gastechnik war. Die bahnbrechend neue Bauweise des Gasometers zeigt sich auch darin, dass es zu seiner Errichtung einer Ausnahmegenehmigung bedurfte und er anfangs auch in der Bevölkerung umstritten war. Schnell entwickelte er sich aber zu einem Identifikationsobjekt in der modernen Berliner Stadtlandschaft, was sich in zahlreichen zeitgenössischen künstlerischen Darstellungen z. B. von Hans Baluschek, Lyonel Feininger und Ludwig Meidner spiegelt. 1995 wurde der Betrieb im Gaswerk eingestellt und seit der Demontage seines Gasbehälters 1998 besteht der Gasometer in seiner heutigen Form. Das Gelände wurde 2007 von der GASAG an die EUREF AG verkauft. Auf Grundlage eines Bauplans von 2008 errichtete diese auf dem zum „Europäischen Energieforum“ erklärten Gelände, dem sog. EUREF-Campus, mehrere Bürohäuser, in denen unterschiedliche Firmen aber auch Forschungseinrichtungen wie z. B. die TU Berlin aus dem Bereich der nachhaltigen Energiegewinnung ansässig sind.

Ab 2009 befand sich im Sockelgeschoss des Gasometers eine überkuppelte temporäre Veranstaltungshalle, aus der u. a. bis 2015 die Politik-Talkshow von Günther Jauch übertragen wurde, deren Trailer den Gasometer deutschlandweit bekannt machte.

Das denkmalgeschützte Gasometergerüst. Foto: Carola Dittrich, 2021

Das heute als Gasometer Schöneberg bezeichnete Bauwerk ist die erhaltene Tragekonstruktion des ursprünglich bis zu 160.000 m³ fassenden Teleskopgasbehälters. Es zeigt sich als zylinderförmiges Stahlgerüst, das sich über einem kreisförmigen eisenummantelten Sockelgeschoss, dem ehemaligen Wasserbassin, erhebt. Sieben Ringträger sind dabei horizontal zwischen 24 senkrechten, im Kreis angeordneten Stahlstreben eingespannt, sodass sich das Gerüst in sechs Geschossebenen untergliedert. Die Gesamtwirkung als Bauwerk beruht dabei auf der Zurschaustellung seiner zugrundeliegenden Konstruktion. Aus den konstruktiven Einzelelementen mit ihren verstärkenden Diagonalverstrebungen ergibt sich eine Art eisernes Fachwerk, dessen funktionale Schlichtheit und Motive serieller Wiederholung der Gerüststruktur eine eigene Ästhetik verleihen.

Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg erstellte einen Bebauungsplan für das Gelände (Bebauungsplan 7-29, beschlossen am 22.01.2008). Die Möglichkeit, innerhalb des Gasometergerüsts ein Gebäude zu errichten, war schon Teil dieses ursprünglichen Bebauungsplans, wobei hierbei in Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt festgelegt wurde, dass die oberen zwei Geschossringe frei bleiben, um den Landmarkencharakter des Gasometers und die Erkennbarkeit als Industriedenkmal zu erhalten. Bereits diese Ausbaumöglichkeit galt seitens des Landesdenkmalamts, das sich zuerst gänzlich gegen eine Bebauung ausgesprochen hatte, als größtmögliches Zugeständnis an den Investor zur Wahrung des gebotenen Denkmalschutzes.
Neuerlicher Stein des Anstoßes ist eine angestrebte Änderung jenes ursprünglichen Bebauungsplans vom Herbst 2020, der die Gesamtgeschossmenge des EUREF-Geländes insgesamt von 163.800 m² auf 135.000 m² reduziert. Im Zuge dieser Flächenverminderung, die bei mehreren Gebäuden auf dem Gelände als Höhenreduktion festgelegt wurde, erfolgte aber die Veränderung der Ausbaupläne für den Gasometer. Das darin zu errichtende Bürohochhaus, das voraussichtlich an die Deutsche Bahn vermietet werden soll, wird demnach bis zum letzten Geschossring reichen und zusätzlich mit einem Flachkuppeldach versehen werden. Statt der ursprünglich zwei Gerüstgeschosse bliebe lediglich noch eines frei von Bebauung, in das allerdings das abschließende überkuppelte Staffelgeschoss, in das ein öffentlich zugängliches Restaurant integriert werden soll, hineinragt (Grafik zum geplanten Ausbau). Der Flächenzuwachs des Gebäudes innerhalb des Gasometergerüsts beläuft sich auf insgesamt 8.750 m², was eine Steigerung der Gebäudehöhe um 8,5 m, inkl. Kuppelaufsatz um 14,5 m bedeutet, d.h. eine Erhöhung des Bürohauses von 57 m auf 71,5 m.

Hintergrund der geplanten Änderungen ist das Zusammenspiel von Interessen, einerseits des Investors, im Gasometer höher zu bauen, andererseits des Bezirks Schöneberg-Tempelhof, die bebaute Quadratmeterzahl auf dem Gelände zu reduzieren (Bebauungsplan 7-29, S. 25).

Blick durch die Leuthener Straße in Schöneberg. Foto: Carola Dittrich, 2021

Die Änderungen wurden in der Bezirksverordnetenversammlung vom 08.09.2020 beschlossen. Gegen dieses Vorhaben startete die Bürgerinitiative „Gasometer retten“ Anfang November 2020 eine Online-Petition, die sich für die Ausführung des ursprünglichen Bebauungsplans und die Wahrung von Interessen der Anwohnerinnen und Anwohner einsetzt. Die gesetzlich erforderliche öffentliche Auslegung des geänderten Bebauungsplanentwurfs erfolgte vom 25.01.2021 bis zum 24.02.2021 und generierte zahlreiche Reaktionen in Form von Stellungnahmen seitens der Bürgerschaft, aber auch öffentlicher Institutionen, wie dem Landesdenkmalamt und Naturschutzverbänden, die nun ausgewertet werden. Die Vorgänge und Debatten um den Gasometer werden von einer breiten Berichterstattung in den lokalen Medien begleitet.

Die EUREF AG argumentiert, dass man sich gerade durch den Einbau eines Gebäudes, welches dem früheren Telekopgasbehälter formal nachempfunden werden soll, an den ursprünglichen Zustand annähert und das Industriedenkmal durch seine wirtschaftliche Nutzung in seinem Bestand gesichert wird. Dem steht entgegen, dass ein massiv gebautes, bis zum letzten Geschoss reichendes Bürogebäude nicht dem ursprünglich beweglichen Gasbehälter mit seinen veränderlichen Höhenständen entspricht. Der Streitpunkt ist nicht die innere Bebauung an sich, sondern deren Höhe. Durch die nunmehr angestrebte Erhöhung des Gebäudes wird der Charakter des Industriedenkmals stark beeinträchtigt, denn je mehr von dem denkmalgeschützten Trägergerüst zugebaut wird, umso weniger vermittelt sich noch von dessen ursprünglicher Funktion und bautechnischer Neuartigkeit. Auch wird die Fernwirkung des Stahlskelettbaus als Bestandteil der Berliner Stadtsilhouette, die in der Bewertung des Landesdenkmalamts als bedeutend herausgestellt wurde und die das Bauvorhaben von 2008 zumindest noch ansatzweise berücksichtigte, durch eine weitere Verminderung der freistehenden Gerüstteile infolge einer höheren inneren Bebauung gefährdet.

Die Bürgerinitiative „Gasometer retten“ sieht die Gefahr, dass sämtliche von der Öffentlichkeit vorgebrachten Einwände, wie z. B. die Beeinträchtigung der Wohnqualität oder die Anliegen des Natur- und des Denkmalschutzes im Abwägungsverfahren des Bebauungsplanentwurfs zugunsten des höheren Gebäudes übergangen werden könnten. Der Beschluss des Bebauungsplans soll nach Abwägung der eingegangenen Stellungnahmen voraussichtlich im Herbst 2021 erfolgen.
Es gilt, den Gasometer in Schöneberg sowohl als Denkmal der Industrialisierung im frühen 20. Jahrhundert zu erhalten wie auch seiner spezifischen Form als freistehende Stahlskelettkonstruktion, die seit ihrer Errichtung als städtebaulich markant wahrgenommen wird, Rechnung zu tragen.

Text: Carola Dittrich
Redaktion: Martin Bredenbeck

Oben: Gasometer Schöneberg. Foto: Carola Dittrich, 2021

Literatur:
Haspel, Jörg: Gasometerdenkmalpflege, in: Großstadtdenkmalpflege, Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Heft 12, Berlin 1997, S. 45–48.
Lepiorz, Stefan: Das Gaswerk Schöneberg in der Torgauer Straße, Berlin 2005, bes. S. 36f., S. 55–57, S. 78–81.
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Denkmale in Berlin Bezirk Tempelhof- Schöneberg, Ortsteil Schöneberg, Petersberg 2018, S. 296–298.

Quellen:
Landesdenkmalamt Berlin, Denkmaldatenbank, Gaswerk Schöneberg (https://www.berlin.de/landesdenkmalamt/denkmale/liste-karte-datenbank/denkmaldatenbank/daobj.php?obj_dok_nr=09066707, Stand 30.04.2021)
Stellungnahme des Landesdenkmalamtes vom 23.02.2021 (http://www.gasometer-retten.de/2021/02/27/landesdenkmalamt-sagt-nein/, Stand 30.04.2021)
Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, Bebauungsplan 7-29 (erneute öffentliche Auslegung) (https://www.berlin.de/ba-tempelhof-schoeneberg/politik-und-verwaltung/aemter/stadtentwicklungsamt/stadtplanung/bebauungsplan-fuer-meinberlin/bebauungsplan.1042098.php, Stand 30.04.2021)
Gasometer retten!
BI Gasometer

EUREF AG, FAQ – Ausbau des Gasometers (https://euref.de/gasometerausbau/#toggle-id-13, Stand 30.04.2021)

Berichterstattung in der Presse (Auswahl):
Gasometer: Der Untergang der Krone von Schöneberg (Berliner Zeitung, 10.04.2021)
Schöneberger Gasometer retten! (der Freitag, Stand 05.03.2021)
Denkmal- und Naturschützer lehnen Ausbaupläne für Gasometer ab  (Der Tagesspiegel, 01.03.2021)
Gasometer-Ausbau: Mehr als 700 Stellungnahmen eingegangen (Berliner Morgenpost, 25.02.2021)
PR-Vorwurf an Grüne (taz, 20.02.2021)
Streit über die Schöneberger Skyline (RBB, 17.02.2021)
Kritische Online-Debatte zum Gasometer-Ausbau (Berliner Morgenpost, 16.02.2021)
Im Schatten des Gasometers (taz, 27.01.2021)
“Wenn der Gasometer fertig ist, ist auch der Campus fertig”
(Berliner Morgenpost, 10.01.2021)
Die Bahn zieht in den Gasometer (Der Tagesspiegel, 21.11.2020)
Tesla zieht ins Gasometer Schöneberg (RBB, 06.09.2020)

Presseresonanz

Verband Deutscher Kunsthistoriker setzt Gasometer auf die Rote Liste (Berliner Woche, 07.05.2021)