Gartenvilla im Neufferpark (Teehaus)

Eintrag veröffentlicht am 15.09.2020

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Gartenvilla im Neufferpark (Teehaus)
Luisenstraße 66 / Strobelallee
66953 Pirmasens

Erbaut: 1929–1930
Entwurf: Werner Horstmann
Geschütztes Baudenkmal:  Status unbekannt

Status:  akute Gefährdung

Das große Bauhaus-Jubiläum 2019 brachte Feierlichkeiten und Würdigungen. Bedauerlicherweise sind aber wertvolle Bauten aus der Zeit der frühen Moderne des 20. Jahrhunderts immer noch akut gefährdet. Das sogenannte Teehaus in Pirmasens von 1930 ist ein seltenes Beispiel einer Fabrikantenvilla aus dieser Zeit in Südwestdeutschland und braucht dringend Pflege und ein Nutzungskonzept.

Unterstützer: lokales Bürgerengagement, u. a. „Arbeitskreis Alter Friedhof“ in Pirmasens, Frederic Krämer

Foto: Frederic Krämer, 2020

Im Jahre 1928 kaufte der Schuhfabrikant Emil Neuffer Fabrik, Villa und Park der in Konkurs gegangenen Schuhfabrik Paqué und ließ im Park von 1929 bis 1930 eine Gartenvilla im Stil der frühen Moderne errichten. Ursprünglich diente dieses neue Gebäude als sogenanntes Teehaus für die Familie. Ab 1937 wohnte hier die Familie von Sievers (Schwiegersohn von Neuffer). Nach dem Konkurs der Firma Neuffer 1962 wurde der Park von der Stadt übernommen, im Teehaus ein bekanntes Gartencafé eingerichtet.

Das Teehaus – eines der bekanntesten Gebäude in Pirmasens – zeigt sich als annähernd würfelförmiger Baukörper mit gliederungslosen hellen Putzflächen, großen Fenster- und Türöffnungen, einem flachen Walmdach und großzügigen Balkonen im Obergeschoss. Es steht ganz in der Tradition der Neuen Sachlichkeit, der frühen Moderne im 20. Jahrhundert, zu deren bekanntesten Ausprägungen das Bauhaus gehörte. Anders als die Entwürfe des Bauhauses zeigt das Teehaus auch einige deutlich traditionelle Bauformen, darunter das Dach und die Balustrade. Es ist ein wichtiges Beispiel für die Vielgestaltigkeit der Moderne im frühen 20. Jahrhundert und vertritt den in Südwestdeutschland seltenen Typ der Fabrikantenvilla aus der Zwischenkriegszeit.

Pläne: W. Horstmann, bearbeitet durch F. Krämer

Als Architekt des Teehauses galt einige Zeit Josef Uhl (1887–1961), Hausarchitekt der Firma Neuffer. Der aus Franken stammende Uhl gehörte zu einer Generation von Architekten, die mit der Architektur des Historismus aufgewachsen waren, dann die verschiedenen architektonischen Reformströmungen der Zeit um 1910 erlebten und nach dem Ersten Weltkrieg offen waren für eine radikale Moderne, die Neue Sachlichkeit. So stammt von Uhl beispielsweise die frühere Schuhfabrik in Hauenstein nahe Pirmasens, heute Schuhmuseum. 1919 entwarf Uhl für die Firma Neuffer eine Erweiterung für das Fabrik- und Verwaltungsgebäude an der Neufferstraße. Mit dem Bau der beinahe schlossartigen Anlage wurde 1926 begonnen. Aktuelle Recherchen von Frederic Krämer förderten die Baupläne für das Teehaus zutage, die vom Architekten W.(erner) Horstmann unterzeichnet sind. Damit ist die Architektenfrage wahrscheinlich geklärt.

Aus nicht näher bekannten Gründen wurde das beliebte Café inzwischen geschlossen, so dass das Gebäude derzeit ohne Nutzung ist. Der Zustand des architektur- und ortshistorisch wichtigen Objekts verschlechtert sich ohne Pflege und Nutzung rapide. Die Balkone zeigen bereits starke Schäden. Nur im Sommer werden noch die WC-Anlagen im Erdgeschoss genutzt. Die Stadt als Eigentümerin hat das Gebäude aktuell wieder in den Blick genommen und konstruktive Diskussionen über ein neues Nutzungskonzept und einen Verkauf angestoßen. Der Abriss scheint vom Tisch – doch es braucht nun rasches und beherztes Handeln zugunsten dieses Kulturdenkmals.

Text: Walter Stutterich, Pirmasens
Redaktion: Martin Bredenbeck

Zum Weiterlesen: „Kleinod Neuffer-Café verschimmelt“ (Rheinpfalz vom 07.05.2018); „Sogar am Mailänder Bahnhof war Uhl beteiligt“ (Rheinpfalz vom 06.07.2019)

Oben: KKA/Foto: Seebald, 2016