Fachforum Angewandte Künste –
Schatzkunst, Interieur und Materielle Kultur

Im Rahmen des 33. Kunsthistorikertages 2015 in Mainz lud die Sektion Schatzkunst und Repräsentation – Der Wert der (angewandten) Künste unter der Leitung von Birgitt Borkopp-Restle und Dirk Syndram zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Bewertung der sogenannten angewandten oder dekorativen Künste ein: Seit dem frühen 20. Jahrhundert (genauer: nachdem das Interesse des 19. Jahrhunderts an den kunsthandwerklichen Gattungen abgeebbt war) werden Werke der Goldschmiede­kunst, der textilen Künste oder der Keramik, ebenso wie Möbel, Uhren und Automaten, Waffen und Rüstungen von der kunsthistorischen Forschung nur noch gelegentlich berücksichtigt. In ihren historischen Kontexten, und zwar in der höfischen wie in der bürgerlichen Rezeption, galt ihnen jedoch große Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Untersuchungen, die die situativen und performativen Rahmen berücksichtigen, für die solche Objekte zunächst intendiert waren und in denen sie wirksam wurden, gelangen deshalb auch zu differenzierteren als den konventionellen Bewertungen; die Vorträge der Sektion stellten dies eindrucksvoll unter Beweis.

Das große Interesse, das die Sektion bei den Teilnehmer/-innen des Kunsthistori­ker­tages fand, aber auch die Tatsache, dass hier Fragen zur Geschichte, der besonderen Bedeutung, und vor allem zu den Anforderungen an Methoden zur Erforschung der angewandten Künste nur ansatzweise behandelt werden konnten, hat die Initiatoren dazu bewogen, im Format eines Fachforums nach neuen Möglichkeiten der Vernetzung und des wissenschaftlichen Austauschs zu suchen. Dazu soll eine Serie von Tagungen neue Perspektiven eröffnen: Die Untersuchung von Objekten, die wertvolle Materialien (Edelmetalle, Elfenbein, kostbare Steine, Glas, Porzellan...) in Szene setzen, diese aber auch nicht selten auf kunstvolle Weise imitieren oder andererseits überspielen, kann zweifellos aktuellen Forschungsdiskursen zum Thema „Materialität“ wertvolle Impulse geben. Gegenstände, deren Herstellung arbeitsteilige Prozesse involviert, für die eine simple Dichotomie von Entwurf und Ausführung zu kurz greift, weil auf jeder Ebene wesentliche, nämlich Form und Dekor bestimmende Entscheidungen getroffen werden, verlangen nach differenzierten Vorstellungen von „Autorschaft“, nicht zuletzt wenn Auftraggeber und Besitzer nicht allein bei der Konzeption eines Werks, sondern auch noch bei seiner Einbindung in größere situative Kontexte eine aktive Rolle spielen.

Eine eigene Diskussion sollte der Terminologie gelten: Es scheint, dass das Unbehagen, das die Bezeichnungen „angewandte Künste“ und „dekorative Künste“ gelegentlich hervorrufen, auch auf die Frage zurückzuführen ist, wie man Künsten kategorial gerecht wird, die manchmal eine praktische Funktion haben, oft aber auch nicht, die zweifellos häufig dekorativ sind, oft aber auch Bildträger oder Bildmedien. „Kunsthandwerk“ und „Kunstgewerbe“ werden seit dem 19. Jahrhundert diskutiert. Der Begriff der „Schatzkunst“ ist für die sakrale Kunst des Mittelalters seit langem etabliert; für die höfische Kunst der Frühen Neuzeit wurde er mit Gewinn adaptiert. Das Interieur mit seinen mehr oder weniger mobilen Elementen wird nach einem eigenen terminologischen Zugriff verlangen.

Die Diskussion der Begriffe führt schliesslich auch auf wissenschaftshistorisches Terrain:

Eine neue Forschung zu den sogenannten angewandten Künsten ist geeignet, auch grundsätzlich Kategorisierungen und Wertsetzungen in kunsthistorischen Diskursen zu beleuchten; gefordert ist ein methodisch reflektierter Zugriff, der die Hierarchisierungen des 19. und 20. Jahrhunderts überwindet.

Das Fachforum Angewandte Künste – Schatzkunst, Interieur und Materiellen Kultur, das sich während des 34. Deutschen Kunsthistorikertages 2017 in Dresden offiziell konstituierte, soll Kunsthistoriker/-innen, aber auch WissenschaftlerInnen verwandter Disziplinen eine Plattform für Diskussion und Austausch sowie für gemeinsame Aktivitäten bieten.

Das Fachforum zielt auf

  • die Vernetzung von Kunsthistoriker/-innen an Sammlungen und Universitäten, die in den Forschungsfeldern Angewandte Künste, Objektkulturen in der höfischen und der bürgerlichen Repräsentation, Interieur, Materialität und Handwerklichkeit, Materielle Kultur arbeiten,
  • die interdisziplinäre Diskussion von Methoden und Forschungsfragen,
  • die Organisation und Unterstützung von Konferenzen, Workshops und Exkursionen zu einschlägigen Themen,
  • die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in diesem Feld.



1. Tagung des Fachforums „Angewandte Künste – Schatzkunst, Interieur und Materielle Kultur“ in Kooperation mit dem Rudolstädter Arbeitskreis zur Residenzkultur
8.–10. November 2018, Dresden, Staatliche Kunstsammlungen

Diskursfeld Angewandte Kuenste I:
Werte und Bewertungen

Den Umgang der Kunstgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts mit den Künsten der Frühen Neuzeit prägen noch häufig, explizit oder implizit, die Bewertungen und Hierarchisierungen des 19. Jahrhunderts: Mit den Gattungen der Malerei, Zeichnung und Skulptur ließen sich kunsttheoretische Diskurse verbinden, die für die angewandten Künste weitgehend zu fehlen schienen; in ihnen manifestierten sich vielmehr handwerkliche Kunstfertigkeit und ostentativ zur Schau gestellte Materialität – also eben die Eigenschaften, die das ingenium des Künstlers doch angeblich überwand. Nur  gelegentlich wurde erkennbar, dass der Primat, der Malerei und Skulptur in dieser Rangfolge der Künste eingeräumt wurde, der Bewertung der Werke in ihrer Entstehungszeit nicht entsprach – vielmehr belegen zahlreiche Quellen die hohe Wertschätzung (mit den entsprechenden Preisen), die zuerst Werken der sogenannten angewandten oder dekorativen Künste galt.  Namentlich an den europäischen Höfen der Frühen Neuzeit wurde gerade diesen Objekten ein außerordentlich hoher Rang zugemessen, und die Bezeichnung „Schatzkunst“ reflektiert nicht allein ihren materiellen Wert und die handwerkliche Meisterschaft, ja Virtuosität, die sie hervorbrachte: In den Situationen, die die historische Forschung in jüngerer Zeit unter dem Aspekt der Performativität betrachtet hat, kam ihnen nicht selten entscheidende Bedeutung zu. Ihre Auswahl für die Ausstattung von Fest- und Empfangsräumen lag häufig in der unmittelbaren Verfügung ihres fürstlichen Besitzers, in Ritus und Zeremoniell vermittelten sie höchst differenzierte Botschaften. In ihnen gewannen dynastische Tradition und dynastischer Rang genauso wie politische Bündnisse oder kulturelle und ökonomische Ansprüche gleichsam materialisierte Gestalt.

Im Rahmen der ersten Tagung des Fachforums Angewandte Künste – Schatzkunst, Interieur und Materielle Kultur sollten die historischen Bewertungen von Kunstwerken ernst genommen und zugleich kritisch untersucht werden: Worauf beruhten Wertsetzungen, wie wurden sie begründet, und wie prägten die Bewertungen den Umgang mit den Objekten (die gesammelt, zu bestimmten Anlässen präsentiert, unveräußerlich gestellt, aber auch umgearbeitet oder – im Falle von Gold- und Silberarbeiten – eingeschmolzen und tatsächlich umgemünzt werden konnten)?  Argumentationen, wie sie sich etwa in Aushandlungsprozessen zwischen Auftraggebern und Produzenten, im diplomatischen Geschenkverkehr und in Vererbungen nachvollziehen lassen, aber auch implizite Bewertungen, etwa durch Hierarchisierungen, wie sie im höfischen Zeremoniell geläufig sind, konnten daraufhin analysiert werden. Schließlich galt es, Strategien und Praktiken in den Blick zu nehmen, mit denen Werte erzeugt, gesichert und (nicht selten über Generationen) vermittelt wurden: Studien, die in letzter Zeit unternommen wurden, weisen darauf hin, dass für die Wertkonstitution und -vermittlung solcher Objekte deren wiederholte Aktivierung – im Sinne einer amplificatio oder einer Bedeutungsakkumulation in der longue durée – eine wichtige Rolle spielte. Untersuchungen in diesem Feld sind geeignet, auch grundsätzlich Wertkategorien und Wertsetzungen in kunsthistorischen Diskursen zu beleuchten.

Das Programm der Tagung finden Sie hier.
Die Publikation der Tagungsbeiträge ist derzeit in Vorbereitung.



2. Tagung des Fachforums „Angewandte Künste – Schatzkunst, Interieur und Materielle Kultur“
28.–30. November 2019, Bern (CH), Staatliche Kunstsammlungen

Diskursfeld Angewandte Künste II:
Das Problem der Autorschaft

Die Suche nach dem Urheber eines Kunstwerks bzw. Versuche, ein überliefertes Werk mit einem Künstler in Verbindung zu bringen, gehören geradezu programmatisch zu den Aufgaben, die sich die Kunstgeschichte stellt – die Erfindung von „Notnamen“, aber auch Kriterien und Methoden, die mit dem Ziel der „Händescheidung“ entwickelt wurden, bezeugen die kontinuierlich fortgesetzten Bemühungen darum, zu einem Kunstwerk auch einen Künstler (oder zumindest „Meister“ und „Werkstatt“ oder „Umkreis“) zu identifizieren. Für die Angewandten Künste, in denen sehr häufig Entwerfer und Ausführende/r nicht identisch sind, hatte dies zumeist zur Folge, dass als „Künstler“ allein der Urheber des Entwurfs angesprochen wurde, während die Realisierung eines Werks als weitgehend mechanische Tätigkeit galt. Richtet sich der Blick jedoch auf die materielle Substanz eines Werks, so wird rasch deutlich, dass die simple Trennung von Entwurf und Ausführung der Komplexität der künstlerischen Entscheidungsprozesse und der realisierten Ergebnisse nicht gerecht wird und die Bewertung des Entwurfs als kreative Leistung, der die Ausführung angeblich untergeordnet sei, gravierende Probleme aufwirft.

Beobachtungen dazu lassen sich etwa für die Tapisserie machen: In allen Fällen, in denen Entwurfszeichnungen, Kartons und die Tapisserien selbst erhalten sind, wird erkennbar, dass in den Zeichnungen und auch noch in den Kartons die Komposition definiert wurde, während die Entscheidungen über Materialwahl (Wolle, Seide, Metallfäden) und Kolorit in den Wirkerateliers – eventuell in Abstimmung mit einem Auftraggeber – getroffen wurden. Unterschiedliche Editionen, die nach denselben Entwurfszeichnungen und sogar nach denselben Kartons gewirkt wurden, unterscheiden sich deshalb immer wieder markant voneinander. Tritt ein größerer zeitlicher Abstand (ein Jahrhundert oder mehr) zwischen Entwurf und Realisierung, verschärft sich der Effekt. Ähnliches gilt für das Porzellan: Form und Dekor werden zumeist von unterschiedlichen Personen verantwortet; bei größerer Distanz zwischen Entwurf und Ausgestaltung ergeben sich neue, nicht selten spannungsreiche Konstellationen von Form, Materialität und Farbigkeit. Arbeitsteilige Prozesse, wie sie für die genannten Objektgruppen, aber auch für den Möbelbau, die Goldschmiedekunst und andere charakteristisch sind, bedeuten im Hinblick auf Aushandlung und Kooperation einen hohen Aufwand; sie ermöglichen zugleich ein breites Spektrum ausdifferenzierter Ergebnisse.
Im Rahmen der Tagung soll, ausgehend von überlieferten Werken der Angewandten Künste, danach gefragt werden, welche Personen an den gestalterischen Entscheidungen beteiligt waren, die letztlich zu deren Realisierung führten. Wenn wir nicht im Entwurf die Idealversion eines Kunstwerks suchen, sondern die materialisierten Objekte als Kunstwerke ernstnehmen, können wir ein wesentlich differenzierteres Verständnis von Autorschaft gewinnen, das zugleich anknüpft an die jüngeren kunst- wie literaturwissenschaftlichen Forschungen zu kollektiver bzw. kollaborativer Autorschaft. Ausgehend von diesen methodischen Ansätzen lassen sich dann auch jene kulturwissenschaftlich aufschlussreichen Spezialfälle kollaborativer Autorschaft diskutieren, bei denen der Überlieferung nach keine Künstler bzw. Handwerker, sondern ein Fürst oder eine Fürstin die Urheberrolle für ein Objekt beanspruchen; in ihnen ist sowohl das Feld der materiellen Praxis, als auch das der zeichenhaften Topik angesprochen.

Wir bitten um Vorschläge zu Vorträgen (ca. 30 Minuten zzgl. Diskussion).
Bitte senden Sie ein Abstract (2000 – 2500 Zeichen) und ein knappes CV an:
birgitt.borkopp(at)ikg.unibe.ch oder ariane.koller(at)ikg.unibe.ch 

Eingabeschluss: 10. Mai 2019
CfP zum Download (PDF)

Organisation:
Prof. Dr. Birgitt Borkopp-Restle und Dr. Ariane Koller, Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern
Prof. Dr. Matthias Müller, Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft der Universität Mainz
Prof. Dr. Dirk Syndram, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Prof. Dr. Barbara Welzel, Institut für Kunst und Materielle Kultur der TU Dortmund


Kontakt für das Fachforum

Prof. Dr. Birgitt Borkopp-Restle
Universität Bern
Institut für Kunstgeschichte
Abt. Geschichte der textilen Künste
Hodlerstrasse 8
3011 Bern
Schweiz
birgitt.borkopp(at)ikg.unibe.ch

Prof. Dr. Dirk Syndram
Direktor und Stellv. Generaldirektor
Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Residenzschloss
Taschenberg 2
01067 Dresden
dirk.syndram(at)skd-dresden.de